Siegertypen haben Hunger

Jahrzehnte nach den eigenen Erfolgen engagiert sich der ehemals schnellste Mann der Welt, Armin Hary, für Nachwuchstalente, um auch sozial schwache beim Sport zu halten.

Quelle: Passauer Neue Presse vom 21.04.2006

Von Andreas Bachner

Armin Hary, der größte deutsche Sprinter aller Zeiten, läuft noch immer. Aber nicht auf der Aschenbahn. Er hetzt von Geschäftstermin zu Geschäftstermin. „Hat es geschmeckt? Sind sie satt geworden", fragt die freundliche Bedienung der Goldenen Gans am Donauufer in Regensburg. Hary kommt gerade mit dem Zug aus Köln und trifft sich mit einem Vertreter von EON-Bayern. Zusammen mit dem Konzern baut Hary sein neues Projekt auf, ein bundesweites Fördermodell für Nachwuchssportler zwischen sechs und 16 Jahren, mit dem er insbesondere auf Kinder aus sozial schwachen Strukturen ein Augenmerk legen will. „War sehr gut", nickt Hary der Bedienung zu. Geschmeckt hat es, aber satt ist er nicht. „Ich war immer hungrig, mein ganzes Leben lang", hungrig nach Erfolg, nach dem sozialen Aufstieg. Der hagere Blonde, der allen davonlief, ist inzwischen 69 Jahre alt, die Haare sind längst nicht mehr blond und unter seinem Jackett versteckt sich ein zaghafter Bauchansatz.

Was blieb, ist die Entschlossenheit in seinen Augen. Die Entschlossenheit des Mannes, der als erster 100 Meter in 10,0 Sekunden lief, der Weltrekordler und Angefeindet als „Emporkömmling" und Olympiasiegers ist: „Ich wollte immer was Besonderes machen. Vielleicht in Afrika Schulen bauen oder erfolgreicher Anwalt werden." Neben seinem Elternhaus war eine Laufbahn - er wurde Sprinter. Einer, der in nur drei Jahren die Szene überrollt, auf den Kopf gestellt und etwas für die Ewigkeit hinterlassen hat.

Rom, im September 1960, Finale über 100 Meter bei den 17. Olympischen Sommerspielen. Vor einer halben Stunde musste Hary noch geweckt werden, fast hätte er den Start verpennt. Nun ist er wach, in ihm bebt es, all seine Enttäuschung und aufgestaute Wut der vergangenen beiden Jahre will er auf die Aschenbahn bringen. Hary ist der Schnellste seiner Zeit, vielleicht zu schnell, er ist seiner Zeit voraus. Er ist der Gejagte - auf der Laufbahn und in der Öffentlichkeit.

1958 taucht Hary, Feinmechaniker und Sohn eines Bergbauers aus Quierschied bei Saarbrücken, in der Leichtathletikszene auf. Bei den Europameisterschaften düpiert er den Star der Szene, Manfred Germar. Schon damals brandet ihm eine Welle der Missgunst entgegen. Als Affront wird es empfunden, dass der Ungehobelte vom Land dem angestammten König der Disziplin, dem Akademikersohn Germar, Gold beim wichtigsten Rennen der Saison abspenstig macht. Die Ressentiments verfolgen Hary über seine gesamte Karriere.

In derselben Saison läuft der Emporkömmling in Friedrichshafen Weltrekord über die 100 Meter. Bei 10,0 Sekunden bleibt der Zeiger der Zeitnehmer stehen. Unmöglich, niemand kann so schnell laufen. Der Rekord wird ihm aberkannt, die Begründung des Verbandes: Harys hatte einen Vorteil, denn seine Bahn, nur seine, war um einen Zentimeter zuviel abschüssig. Die Funktionäre sind verstört und reagieren mit Ablehnung, weil Hary nicht vorzeigbar ist. Er ist kein Musterathlet, ist Autodidakt, kontrovers, renitent, gilt sogar als Blender. Beim Start ginge er volles Risiko, provoziere immer einen Fehlstart und habe dadurch den entscheidenden Vorteil, war die breite Meinung. „Dabei ist es wissenschaftlich erwiesen, dass ich einfach eine schnellere Reaktionszeit habe", erinnert sich Hary. Selbst in einem medizinischen Labor hat er sich testen lassen. Drei Hundertstel dauert es, bis Hary nach dem Startschuss auf die Reise geht. Die internationale Spitze hatte sich damals

„Danach hatte ich genug"

bei sieben bis acht Hundertstel eingependelt. Trotzdem haftete ihm der Makel des Betrügers an. Hary zieht dennoch unbeirrt sein eigenes Ding durch. „Wozu sich reinreden lassen. Wenn ich einen eigenen Weg gehe, der erfolgreich ist, verlasse ich ihn doch nicht", sagt der Grand-seigneur des Sprints im Rückblick auf seine Karriere. Er ist verkannt, ist Heilsbrin-ger und Hassfigur zugleich.

Der Sprinter fühlt sich nach dem Vorfall in Friedrichshafen missverstanden und flüchtet für ein Jahr in die USA. Er will es allen zeigen und läuft doch wieder gegen eine Wand. Im Juni 1960 kehrt er zurück, läuft bei einem Meeting in Zürich der Konkurrenz wieder davon. Gazellenartig und filigran scheint er über die Bahn zu schweben. 9,9 registrieren die Zeitnehmer und reklamieren prompt einen Fehlstart. Hary ist sauer, fordert einen erneuten Start. 30 Minuten später kann es niemand mehr leugnen. Das Kampfgericht bestätigt: Weltrekord mit 10,0 Sekunden. Drei Mal musste Hary die magische Zeit laufen, bis sie einmal anerkannt wurde. Was heute undenkbar wäre, war für Hary keine große Sache. „Heute planen die Athleten ihre Leistungsspitzen auf den Tag genau. Das ist doch Humbug. Ich war immer fit. Das ganze Jahr über."

Auch 1960 in Rom beim olympischen Endlauf. Hary ist auf der Höhe seines Könnens. An den Startblöcken zappeln seine beiden schärfsten Konkurrenten, die Amerikaner Dave Sime und Ray Norton, der Weltrekordler über 200 Meter. Hary wirkt stoisch ruhig, als wäre er sich seiner Sache sicher. „Dabei war ich sehr nervös, ich habe es nur gut versteckt", erinnert sich der. Es gäbe genug Talente im Land 69-Jährige, der wieder nicht nur gegen seine Gegner sondern auch gegen die alten Vorbehalte anrennen musste. Hary, der Scharlatan mit den Fehlstarts. Natürlich produziert er auch im Finale einen und trottet zum Startblock zurück.

Auf die Plätze: „AI posto", schreit der Mann mit der Startpistole. Hary kann sich jetzt keinen Fehler mehr leisten. Fertig: „Pronto!" Nur nicht noch ein Fehlstart. Dann der Schuss. Norton und Sime wuchten sich aus ihren Blöcken, während Hary für seine Verhältnisse sitzen bleibt. Der Deutsche rollt das Feld von hinten auf, führt bereits nach 20 Metern, verkrampft dann aber und spürt Sime schon herannahen. Noch dreißig: Sime ist auf Schlagdistanz, wittert seine Chance. Noch zwanzig, Hary läuft stakkatohaft, rudert ungewohnt. Noch zehn, Ziel: Mit einem halben Meter Vorsprung vor Sime rettet sich Hary über die Linie: 10,2 Sekunden. Hary ist angekommen, ist Olympiasieger, hat es allen gezeigt. Zwei Tage später gewinnt er auch mit der deutschen Staffel über 4 x 100 Meter.

„Danach hatte ich genug", sagt Hary, der kurz nach seinem Triumph mit nur 24 Jahren seine Karriere beendet. Im Freudentaumel hatte er in einem Interview die verhass-ten Funktionäre angegriffen: „Die Funktionäre sind für die Sportler da, nicht die Sportler für die Funktionäre", wetterte der Dissident und wurde von den Verantwortlichen des DLV (Deutscher Leichtathletik Verband) prompt für acht Monate gesperrt, weil er das Ansehen des Sports beschädigt habe. „Sicher habe ich Fehler gemacht, aber ich musste viel dafür einstecken, oftmals zu Unrecht", blickt er zurück und ist immer noch zornig. Nur die Erinnerung ist ihm geblieben: In seinem Büro in Furth bei Landshut, sagt Hary, hängen die weißen Laufschuhe von seinem Sieglauf noch heute an der Wand, die Asche von Rom klebt noch immer an ihnen. Im Gegensatz zu anderen Hochleistungssportlern kehrt Hary der Leichtathletik komplett den Rücken, wird nicht zu einem Funktionär oder Repräsentanten. Er bleibt trotzdem eine unvergessene Symbolfigur.

Seit den 90ern lebt Hary mit seiner Frau in der ländlichen Abgeschiedenheit, vom Starnberger See zieht es ihn schließlich nach Niederbayern. „Das ganze Schickimicki-Gehabe hat mich genervt." Hary steigt nach seiner sportlichen Laufbahn ins Versicherungswesen und Immobiliengeschäft ein, seine Berufung fand er aber erst vor anderthalb Jahren. Mit 67 Jahren treibt ihn der Hunger wieder an. Ende 2004 hat er die Idee, ein Fördermodell zu gründen, um unter anderem auch sozial schwache Nachwuchssportler zu unterstützen. Auslöser sind die Leichtathletik WM 2003 in Paris, die Fußball-EM 2004 in Portugal und die Olympischen Spiele in Athen. „Wo man hinsieht, die Deutschen hinken hinterher." Dabei gäbe es genügend Talente im Land, „man muss nur wissen, wo".

Armin Hary weiß es: „Die Siegertypen finden sich in den ärmeren Schichten, dort sind die Hungrigen!" Hungrig nach Erfolg, nach Anerkennung, nach sozialem Aufstieg. „Leider brechen diese viel zu früh weg, weil sich ihre Eltern den Sport nicht leisten können. „Mehrere Hundert Euro kostet die Mitgliedschaft beim Eishockey-Verein Landshut. Ein gutes Paar Schlittschuhe kostet 450 Euro. Eines reicht selten. Für Schläger muss man mit rund 200 Euro rechnen. Ganz zu schweigen von den Fahrtkosten." Sport ist teuer, nicht jeder kann sich das leisten.

Damit sich das ändert, baut Armin Hary die AHA-F auf, die „ArminHary-Förde-rung". Das Konzept ist einfach: „Fördergelder landen oft nicht dort, wo sie hinsollten." Die Lösung: Hary ak-quiriert in den Gemeinden Fördermittel, die die Grenzen der Kommunen nicht verlassen. Die örtlichen Übungsleiter wählen jedes Jahr drei talentierte Nachwuchssportler auszuwählen, denen die nötigen Mittel fehlen. „Sonst ist die Enttäuschung bei den Kindern maßlos, wenn die Eltern finanziell überfordert sind."

Die akquirierten „Partner", die die Fördergelder bereitstellen, erscheinen auf Harys Website www.aha-f.de. Hary spricht von Partnern, nicht von Sponsoren. „Denn sie sind nicht nur Geldgeber, deren Mittel in undurchsichtigen Kanälen verschwinden. Sie können vor Ort auf den Sportplätzen sehen, in wen sie ihr Geld investieren." Jede Kommune hat ihre eigene Seite auf Harys Homepage. Auf jeder finden zehn Partner Platz. Dort tauchen dann die Firmenlogos mit Verlinkungen auf. Mehrere tausend Seitenaufrufe zählt laut Hary seine Web-Adresse täglich. „Das hat eine enorme Breitenwirkung. Zudem zeigen die Unternehmen soziale Verantwortung." Auf den zweckgebundenen Einsatz der Mittel legt Hary großen Wert. Trainer und Eltern entscheiden Gemeinde fördert eigenen Nachwuchs über die Ausgaben. „Die Übungsleiter, deren Schützlinge keine Fördermittel erhalten, werden die Ausgewählten sicher ganz genau im Auge behalten", sagt er.

Ganz Deutschland bereist der einst schnellste Mann der Welt auf der Suche nach Partnern. Mit 11 000 Kommunen hat Hary Kontakt aufgenommen, 350 sind bereits verlinkt. Die Pilot-Kommune war Landshut. „Dort ist die Seite bereits voll mit Firmen." Je 3500 Euro seien auf einen Eishockeyspieler, eine Schwimmerin und eine Leichtathletin ausgeschüttet worden. „Die können jetzt in Ruhe weiterarbeiten." Hary ist überzeugt von seinem Konzept. „Es werden sensationelle Sportler aus dem Projekt hervorgehen. Aber selbst, wenn es nur einer pro Kommune wäre, hätte ich gewonnen." Vielleicht schon in sechs Jahren, in London, im Juli 2012, bei den 30. Olympischen Sommerspielen. Dann, wenn im Aufgebot der deutschen Olympioniken Sportler aus der AHA-F auftauchen, wäre Armin Hary zufrieden und vielleicht endlich satt.

Information zur ArminHary-Förderung im Netz unter www.aha-f.de.