Sprintlegende Armin Hary hilft mit seiner AHA-Förderung jungen, sozial benachteiligten Sporttalenten auf den Weg. Im Oktober 2005 zeichnete ihn die INSM für dieses Engagement auf dem Sportpresseball mit einem Nachwuchsförderpreis aus. Jetzt kommen die ersten drei Kinder in Landshut in den Genuss der AHA-Förderung.
INSM: Wer sind die ersten drei Kinder, die von der AHA-Förderung profitieren?
Armin Hary: Da ist ein Eishockeyspieler dabei, der ist 13 Jahre alt, da ist eine Leichtathletin, die ist 10 Jahre alt und eine Schwimmerin, die ist 8 Jahre alt.
INSM: Was, glauben Sie, bedeutet das ganz praktisch für die drei?
Armin Hary: Dass sie im nächsten Jahr beim Sport bleiben können und nicht aufhören müssen, weil sich die Eltern das nicht mehr leisten können. Da wurden zuerst mal Beiträge bezahlt, die schon eine Zeitlang nicht bezahlt worden waren... Sie haben sehr positiv reagiert, alle, einschließlich der Eltern, haben sich sehr gefreut!
INSM: Wie geht's jetzt weiter mit dem Förderprogramm, wann sind die nächsten dran?
Armin Hary: Ende des Jahres. Es geht immer von Jahr zu Jahr. In diesem Jahr haben wir in anderen Kommunen - außer Landshut - noch nicht so viel akquiriert, dass eine Ausschüttung Sinn gemacht hätte.
INSM: Ist es heute schwieriger für ein sportliches Nachwuchstalent, ganz nach oben zu kommen, weil die Anforderungen an Ausrüstung usw. höher geworden sind als früher?
Armin Hary: Es ist sehr viel teurer und die Zeiten sind auch anders als in der Nachkriegszeit - sagen wir mal, wenn zwei Familienmitglieder gearbeitet haben und heute arbeitet keins mehr, da gibt's ganz andere Sorgen als der Sport der Kinder.
INSM: Was gibt der Sport den Kindern?
Armin Hary: Sport gibt jedem Kind etwas. Kinder kommen in ein Alter, wo sie den Drang zur Bewegung haben. Das ist meistens zwischen sechs und acht Jahren. Dann sind die Eltern oft auch noch bereit, die Kinder in irgendeinen Sportverein zu bringen. Aber leider geht es viel zu oft dann so weiter: Nach spätestens einem halben Jahr brechen die Kinder wieder weg, weil die Eltern plötzlich feststellen, dass sie den Unterhalt des sporttreibenden Kindes überhaupt nicht mehr bezahlen können.
INSM: Was bedeutet das für die Betroffenen?
Armin Hary: Erst einmal ist es ja so: Die Kinder wachsen sehr schnell, sie brauchen zwei oder dreimal Schuhe im Jahr, man kann das nicht auf Größe kaufen. Die Schlittschuhe, als Beispiel, die müssen passen und nach einem halben Jahr, dann macht das Kind auf einmal einen Schub, und dann braucht es wieder Schuhe für, sagen wir mal, 450 Euro, die sich aber dann keiner mehr leisten kann. Und was meinen Sie, wie verzweifelt ein Kind ist, wenn die Mutter sagt, Du darfst nicht mehr zum Training gehen. Das Kind weiß nicht warum, die Mutter schämt sich, dem Kind die Wahrheit zu sagen, beide sind unglücklich.
Und, ganz ehrlich: Wenn die Kinder nach einem halben Jahr wieder aufhören müssen, und sie landen irgendwo an der Ecke mit der Flasche Bier und der Zigarette, dann sind sie für mich verloren. Die kriege ich niemals wieder zurück.
INSM: Wie sind Sie auf die Idee der AHA-Förderung gekommen?
Armin Hary: Ich habe gesagt: Ich möchte drei Talente aus jeder Kommune fördern. Ich weiß eben, dass die Talente meistens die hungrigen Typen sind, die hungrigen Kinder und nicht die satten - weil ich selbst aus sehr bescheidenen Familienverhältnissen komme, und weil ich weiß, dass die Siegertypen, die hungrigen Typen, genau da zu finden sind. Ich weiß, dass man Sportler von unten herauf wachsen lassen und unterstützen muss und nicht erst, wenn sie fertige Sportler sind. Ich möchte den Ehrgeiz wecken, das Normale in den Kindern wieder wecken,
dass sie nicht nach Hause gehen und sich hinsetzen und immer dicker werden, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen.
INSM: Was unterscheidet die AHA-Förderung von anderen Möglichkeiten?
Armin Hary: Wenn beispielsweise der Staat den Sportvereinen mehr Geld gibt, dann ist zwar diesem Sportverein vielleicht gedient, aber das Geld kommt nicht an die einzelnen Kinder. Es bleibt im Verein und wird dafür verwendet, dass die Kinder bessere Sportstätten haben, bessere Trainingsmöglichkeiten haben und und und... Wenn heute ein Verein 1000 Euro kriegt, dann kriegt das einzelne Kind, das es tatsächlich nötig hätte, keinen Cent. Aber mein Ansatz ist ein anderer. Ich möchte gerne, dass das Geld, das wir akquirieren, direkt an einzelne Kindergeht!
INSM: Wurden Sie in Ihrer Jugend vom Staat unterstützt?
Armin Hary: Nein. Ich wurde überhaupt nicht unterstützt. Wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, dass unser Haus keine 500 Meter vom Sportplatz entfernt gewesen wäre, dann hätte es keinen Goldmedaillengewinner oder Weltmeister Armin Hary gegeben. Meine Mutter hatte kein Geld, mir ein Fahrrad zu kaufen und kein Auto, um mich zum Training zu bringen.
INSM: Was hätte der junge Armin Hary gesagt, wenn es damals so etwas wie eine AHA-Förderung gegeben hätte?
Armin Hary: Ich wäre natürlich abhängig gewesen von meinem Übungsleiter im Verein. Wenn er mich gemeldet hätte, dann hätte ich vielleicht die Förderung bekommen. Wenn ein anderer besser gewesen wäre, hätte er sie bekommen. Aber ich war damals so: Wenn ein anderer drangekommen wäre, wäre ich das nächste Mal drangekommen!
INSM: Sind Sie zufrieden mit dem Erfolg der AHA-Förderung?
Armin Hary: Es könnte ein bisserl schneller gehen. Ich könnte ein paar Unterstützer mehr gebrauchen, weil mir die Zeit davonläuft. Weil ich nicht mehr 20 Jahre warten kann, bis die ersten Erfolge kommen - so alt werde ich dann wahrscheinlich nicht. Ich stecke meine gesamte Arbeitskraft in dieses Projekt.
INSM: Sie engagieren sich selbst also stark. Was meinen Sie, brauchen wir mehr solches Engagement, mehr Bürgersinn in Deutschland?
Armin Hary: Wenn es stimmt, dass wir zwei Millionen arme Kinder in Deutschland haben, dann möchte ich wissen, wer da einspringt! Genau das ist es, was mir fehlt, was ich mir wünsche: Dass wir mehr Unterstützer haben, die, wenn auch nur mit 100 oder 200 Euro im Monat, die Förderung von Nachwuchstalenten möglich machen.
Die AHA-Talentförderung Harys sportliche Erfolge
Armin Hary wurde mit seinen Höchstleistungen im Sprint auf 100 Meter und Staffel zum bekanntesten deutschen Profi in diesem Bereich. Ganz populär wurde er, als es ihm als Erstem gelang, 100 Meter in 10,0 Sekunden zu laufen. Das bedeutete 1960 den Weltrekord.
Zu den weiteren großen Erfolgen von Armin Hary zählen u.a. folgende Auszeichnungen: Deutscher Vizemeister 100m (1957), EM Gold 100m und 4x100m Staffel (1958), Deutscher Meister 100m und 200m (1960), Olympia-Gold in Rom 100m und 4x100m Staffel (1960).
Nachwuchstalente fördern
Heute, ein halbes Jahrhundert nach seinen eigenen sportlichen Höchstleistungen, hilft Armin Hary jungen Sporttalenten aller Disziplinen, in ihrer Heimatstadt oder -gemeinde möglichst früh auf einen guten sportlichen Weg zu gelangen. Sechs- bis Sechzehnjährige sind die Zielgruppe der Armin-Hary-Förderung (AHA-F). Dem ehemaligen Spitzensportler ist besonders wichtig, den Kindern und Jugendlichen zu helfen, die aus weniger guten sozialen Verhältnissen stammen und denen es an Geld für Mitgliedsbeiträge, Training und Ausrüstung mangelt. AHA-F fördert Kinder, die Schwierigkeiten in Familie und ihrem weiteren Umfeld haben, in der Schule nicht zurechtkommen und sich selbst in ihrer Freizeit nur wenig sinnvoll beschäftigen können. Ihnen will der ehemalige Spitzensportler ganz praktische Starthilfe geben.
Das Prinzip von AHA-F
In jeder geförderten Gemeinde werden von den Übungsleitern der dort ansässigen Sportvereine in
Zusammenarbeit mit der Kommune drei Jugendliche mit Talent ausgewählt, die bislang noch keine Förderung bekommen. Für sie akquiriert die AHA-F von bis zu zehn kommunalen Unternehmen „überschaubare Förderbeträge" (jeweils 100 bis 600 Euro pro Monat). Die Unternehmen dürfen im Gegenzug Werbung auf der Homepage der AHA-Homepage platzieren. Die teilnehmenden Kommunen setzen auf ihrer Homepage einen Link auf die AHA-F-Homepage. Von AHA-F profitieren also vor Ort alle: die Kinder und Jugendlichen, die Vereine und Kommunen, die Sponsoren.
Der zeitliche Ablauf
Hary begann 2004 mit der Akquise für AHA-F. Im Herbst 2005 hatte er bereits rund 7.000 Kommunen kontaktiert. Bei der Ausschüttung des gesammelten Geldes vor Ort werden pro Kommune drei Jugendliche ausgezeichnet. Jeder von ihnen erhält jeweils ein Drittel des Fördergeldes, das vor Ort für sie zusammengekommen ist, um in ihrer Sportart einen erfolgreichen Weg starten zu können. Nach einem Jahr endet der Förderungszeitraum, und die Übungsleiter entscheiden gemeinsam mit der Kommune, welche Jugendlichen im folgenden Jahr gefördert werden. Dabei kann auch entschieden werden, dass ein Nachwuchstalent erneut gefördert wird. Armin Hary glaubt fest daran, dass er den Jugendlichen so von der Straße helfen kann und engagiert sich heute mit AHA-F genauso wie früher im Sprint.