"Wir brauchen 20 Ungers!"Sprint-Legende Hary fordert Top-Manager im DLV - und kritisiert die Athleten: „Jammerlappen! Der Biss fehlt"Quelle: AZ vom 13.08.2005VON FLORIAN KINAST AZ: Herr Hary, während der Olympischen Spiele im letzten Jahr beklagten Sie, die deutschen Leichtathleten seien satt. Denken Sie, dass sich bei den DLV- Startern allmählich wieder Appetit einstellt? ARMIN HARY: Ich weiß nicht, ob die Leistung der Deutschen jetzt bei der WM in Helsinki wirklich so hoch einzuschätzen ist. Ich sehe da nur einen kleinen Fortschritt. Dass das schon der Durchbruch nach oben sein soll, das kann man doch wirklich nicht sagen. So steil wie es nach unten gegangen ist, so steil kann es nicht nach oben gehen. Es ist sehr traurig. Da braucht es eine gewisse Zeit, und die müssen wir uns nehmen. Daher gründeten Sie die „Aha-F", die Armin-Hary-Förderung für junge Sporttalente. Da versuche ich, die Kinder beim Sport zu halten. Zum Sport gebracht werden sie ja schon von ihren Eltern, aber wenn die Eltern dann merken, dass sie sich Ausrüstung und Trainerstunden nicht mehr leisten können, dann brechen uns viele Talente wieder weg. Darum suche ich Unternehmer, die mit 100 bis 300 Euro im Monat drei Talente in ihrer Kommune fördern. Bis sich das dann auch in der Weltspitze niederschlägt, werden freilich acht bis zehn Jahre vergehen. Das ist der Unterschied zu Jürgen Klinsmann. Er kann sagen, er macht innerhalb von zwei Jahren Weltmeister. Das kann ich nicht. Neu ist das Problem der dürftigen Jugendarbeit in Deutschland ja nicht. Natürlich nicht. Wir haben Generationen versäumt. Ich habe das schon vor 25 Jahren angemahnt. Damals dachte ich, ich sei zu alt, um etwas zu bewegen. Inzwischen gehe ich schnell auf die 70 zu, aber Athen im letzten Jahr hat bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht. Ich habe die Situation nicht mehr ausgehalten. Die Chinesen machen es uns doch vor. Die fangen ganz früh an, fördern ihre Talente schon in der Wiege, da wird systematisch gearbeitet. Zu Olympia 2008 in Peking braucht jetzt eigentlich keiner mehr zu fahren, weil die an Goldmedaillen alles abräumen werden. Warum können wir das nicht? Weil Methoden wie in den chinesischen Kaderschmieden viele Eltern abschrecken. Das Leben eines Kindes sollte ja vielleicht nicht nur aus zwölf Stunden militaristischem Drill am Tag bestehen. Das ist nicht mehr so wie früher. Die haben inzwischen ein ganz tolles System. Mein Gott, es geht um Vorbilder, die wir brauchen. Ist Tobias Unger ein Vorbild? Oder Andre Nikiaus, der Vierte im Zehnkampf? Ob das schon Vorbilder sind, weiß ich nicht Ich bezweifle das. Ein vierter Platz im Zehnkampf ist eine gute Leistung. Ein Herr Unger wird vielleicht in zwei, drei Jahren ein Vorbild sein. Er ist in jedem Fall ein Mann der Zukunft. Einer von den hungrigen Typen, die ich suche. Wir brauchen zehn Ungers, 20 Ungers. Ein Unger allein reicht nicht. An der DLV-Spitze steht Clemens Prokop, der laut Speerwerferin Steffi Nerius nicht einmal seine Athleten kennt. Die deutsche Meisterin im Gehen, Melanie Seeger, musste ihm erst vorgestellt werden. Darüber darf ich nicht nachdenken, da kriege ich Gänsehaut. Ich fordere seit Jahren einen Top-Manager für die Leichtathletik, aber ich wurde immer nur ausgelacht. Das ist ein Großbetrieb, der professionell geführt werden muss. Wir haben so viel Kredit verspielt, wir zerfallen ja in die Bedeutungslosigkeit, und das nicht nur in der Leichtathletik, sondern in vielen Sportarten. Liegt der Absturz in der deutschen Leichtathletik aber auch an den einseitigen Dopingkontrollen? Kugelstoßer und Diskuswerfer beklagen, dass auf 50 Kontrollen in Deutschland ungefähr eine in Weißrussland käme. Wissen Sie, mir kommt es vor, als seien die Deutschen Jammerlappen, ein Jammervolk. Wenn bei Olympia die Sonne von der falschen Seite kommt und der Wind auch und wenn das Wasser ein bisschen zu hohe Wellen hat, dann passiert das komischerweise immer nur in den Bahnen von den Deutschen. Und wenn ich schon hören muss, dass ein Sportler von einem großen Erfolg spricht, weil er den Zwischenlauf erreicht hat: Können Sie mir sagen, was so einer bei Olympischen Spielen verloren hat? Der kostet uns 150 000 Euro, und dann sagt er, der Zwischenlauf sei ein Erfolg. Das kann es doch nicht sein. Daher denke ich, dass die Deutschen nicht deshalb jammern, weil die anderen so oft überprüft werden. Die jammern auch über andere Dinge. Weil die Siegermentalität fehlt? Ja. Der Hunger, der Biss. In den USA haben sie den Siegeswillen, aber es kann nicht sein, dass bei allem Respekt Leute wie Justin Gatlin als Vorbilder für unsere Jugend hierzulande dienen. Auch nicht, was den sauberen Sport angeht? Bisher gab es noch keine Meldung über einen positiven Dopingfall in Helsinki. Warten wir ab, bis die WM vorbei ist. Während einer WM erwischt man immer ungern jemanden, da sollen die Athleten ruhig gehalten werden. Da werden wir noch einiges hören. Wenn die Spiele vorbei waren, hat es noch immer richtig gedonnert. Die 9,77 Sekunden, die Asa-fa Powell vor der WM über 100 Meter gelaufen ist: Kann das mit rechten Dingen zugehen? Oder entscheidet inzwischen das bessere Labor über die Hundertstel? Das haben Sie gesagt. Es liegt ja auch an den Bahnen, die immer schneller werden. Müsste ein Powell wie wir damals auf Asche laufen, käme er auch nicht über 10,0 hinaus. Nein, irgendwann wird Schluss sein, ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand irgendwann 9,50 Sekunden läuft. Und wer weiß, ob die 9,77 Sekunden ehrlich waren. Ich wünsche mir, dass sie den Kampf gegen das Doping bald in den Griff kriegen. Aber das kostet so viel Geld, dass sie irgendwann einmal resignieren werden. Wie resigniert waren Sie, als das ZDF im letzten Jahr die Sportler des Jahrhunderts küren ließ und Sie auf Platz 74 landeten, noch hinter einer Olympia-Neunten im Beach-volleyball? Im Vorfeld war ich auf der Auswahlliste ja gar nicht aufgeführt. Aber wenn ein Herr Kerner so schlecht recherchiert und dafür leichtes Geld verdient, dann kann ich es auch nicht ändern. Im ersten Moment dachte ich auch, das kann doch nicht wahr sein. Aber soll ich mich deswegen erschießen? Wissen Sie, wenn es so sein soll, dass man unserer Jugend ein Vorbild vorenthält, dann kann das nur zwei Ursachen haben. Entweder es steckt System dahinter. Oder sie sind ahnungslos. |