Harys Rekord wird 30 Zehnkommanull

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 21.06.2005

Es ist vor der Fußball-WM viel über das Herzblut geschrieben worden, mit dem die Deutschen 1954 die regen- und schweißdurchnäßten „Helden von Bern" feierten. So innig wie selbstzufrieden. Die Nachgeborenen werden vor ihrem geistigen Auge vielleicht Hände sehen, vom Wiederaufbau schwielig, die sich in eine lang entbehrte neue Begeisterung hiheinklatschen. Die Zukunft hat begonnen.

Auch die des Sports mit seiner Internationalität, wofür allein schon aus den Gründen ihrer Individualität heraus die Leichtathleten eine besondere Zuständigkeit besitzen. Insofern war der erste Zehnkornmanull-Lauf über hundert Meter eine Fortschreibung der Geschichte und Geschichten, sechs Jahre nach Bern, heute vor dreißig Jahren, und nach dem Wankdorfstadion war mit dem Züricher Letzigrund wiederum eine Schweizer Sportstätte der Boden, auf

dem der große Nachbar eine Weitläufigkeit unter Beweis stellen durfte. Der Protagonist Armin Hary war mit einem wie Fritz Walter nicht mehr zu vergleichen. Der Sprinter besaß seinen eigenen Schädel, machte längst nicht alles richtig, und wer sein „Chef war, wußten nur die Fachleute, nämlich der gewandte und elegante Berti Sumser. Der: Insofern höchst modern, als er gerade die schwierigen Charaktere zur Spitze führte, nicht zuletzt Willi Holdorf, 1964 der bisher einzige bundesdeutsche Olympiasieger im Zehnkampf. Hary war spektakulär, eigenartig, eigensinnig, eigennützig. Nicht zum Anfassen. Soweit es ging, war er ein Professional. Er wechselte 1959 in die USA, kam dort nicht zu Rande, gewann aber nur zwölf Monate später in Rom das olympische Gold. Man muß dazu wissen, daß es damals im Hundertmeterlauf zum unveräußerlichen Besitz der Amerikaner zu gehören schien. Wo Herbergers Elf noch als Außenseiter zum Endspiel auflief, unter Zuhilfenahme einer Finte (3:8 gegen Ungarn in der Vorrunde) den Gegner in Sicherheit wiegend, hatte Hary den Fehdehandschuh also schon in Zürich geworfen. Und dann irritierte ihn auch ein Fehlstart nicht mehr, den Sieg zu holen (am 21. Juni 1960 lief Hary in Zürich 10,0 Sekunden, der Lauf wurde, wegen eines nicht geahndeten Fehlstarts, annulliert und dann neu angesetzt, Hary lief auch in der Wiederholung 10,0), dort, wo die kik-kenden Geschäftsleute in Schwarzweiß am 8. Juli ein jüngstes Kapitel aufschlagen möchten.

Ob sie den Namen Hary schon einmal gehört haben?

Robert Hartmann