"Mein Leben ist ein Abenteuer"Vor 45 Jahren lief Armin Hary als erster Mensch die 100 Meter in 10,0 SekundenQuelle: Der neue Tag vom 18.06.2005Von Wolfgang Houschka Als am 21. Juni 1960 im Letzigrund-Stadion von Zürich der Startschuss fiel, geschah Unglaubliches. Ein 23-jähriger Deutscher flog wie ein Pfeil aus den Blöcken und kam als erster Mensch nach 100 Metern in 10,0 Sekunden über die Ziellinie. Den Zuschauern stockte der Atem. Sie waren Zeugen eines Sportereignisses von historischer Dimension geworden. Bis heute ist dieser Lauf mit einem Namen verbunden: Armin Hary. Er mag die Weißwurst heiß. Mit süßem Senf und Breze. Nicht absolut typisch für einen, der aus dem Saarland stammt. Die Wurst wird lauwarm, weil er mit den Antworten nicht warten will. Zuerst dies: Seit vielen Jahrzehnten nun schon in Bayern wohnhaft. Erst in Starnberg, jetzt bei Landshut. Eher zurückgezogen, in einem kleinen Ort. Doch seine Fans haben die Adresse längst ausgemacht. Die Konsequenz daraus: Es gibt keinen Tag, an dem der Postbote nicht einen dicken Packen mit Autogrammwünschen in Harys Briefkasten steckt. Armin Hary, die Leichtathletik-Legende. Der "Läufer des Jahrhunderts". Nur wenige aus dem sportlichen Bereich haben es in der Bundesrepublik zu einem solchen Bekanntheitsgrad gebracht wie er. Die Fußball Weltmeister von 1954, Franz Beckenbauer, Uwe Seeler, Max Schmeling. Dann aber klafft bereits eine Lücke. Armin Hary freut sich über Sympathiebeweise. Besonders dann, wenn ihn Leute auf der Straße ansprechen und mit dem Satzfragment beginnen: "Sie sind doch..." Kometenhafte Karriere Jung angefangen, jung aufgehört. Armin Hary ging, als er sich mit 24 Jahren im Zenit seiner kometenhaften Läuferkarriere befand. Nie wieder hat ein deutscher Läufer nach ihm die 100 Meter bei einer Olympiade gewonnen. Die Amerikaner beherrschten später diese Disziplin. Nur der Russe Valerij Borsow kam ihnen noch in die Quere. "Lange her", sagt Armin Hary, den Journalisten einen "kritischen Großen" nannten. Kritisch ist er geblieben, die Spikes und Laufschuhe allerdings hängen seit Jahrzehnten am Nagel. Gleich neben den Medaillen. Dann und wann spielt Hary noch Golf (Handicap 8). Ansonsten schaut er in den Fernseher und erkennt: "Dabei sein ist doch längst nicht alles. Es muss auch gewonnen werden." „Die Chinesen fangen bei Kindern an, die gerade erst die Wiege verlassen haben. Irgendwann werden sie sämtliche Goldmedaillen gewinnen.“ Noch immer liegt ein Stück der Weißwurst auf dem Teller. Längst kalt geworden. Der 67-Jährige ist ins Fahrwasser geraten. Was er bei seinen Beobachtungen ausgemacht hat, packt Hary in kantige Sätze. Kaum mehr etwas los, wenn es um Spitzensportler geht. Viel zu wenig Unterstützung für den Nachwuchs. „Die Chinesen fangen bei Kindern an, die gerade erst die Wiege verlassen haben. Irgendwann werden sie sämtliche Goldmedaillen gewinnen." Und Deutschland? Kaum mehr dran am berühmten Staffelholz. Nicht nur in der Leichtathletik. Auch in vielen anderen Sportarten. „Das muss sich ändern", sagt Armin Hary. Vor einem knappen halben Jahr hat Hary damit begonnen, einen Beitrag für solche zu leisten, die von jungen Jahren an zum Erfolg geführt werden sollen. Behutsam, aber zielstrebig. „Es gibt unzählige Talente, wir müssen sie fördern", lautet seine Maxime. Hoch gesetzt, diese Messlatte. Hary will drüber, ohne zu reißen. Und alle, die seine Aktion bisher begleitet haben, sind sicher: „Der schafft es!" Die „Armin Hary Sportförderung" hat ein Kürzel bekommen. „AHA-F" wurde sie von ihm genannt. Groß stehen diese Lettern in einer vor kurzem erschienenen Broschüre. Kleiner drunter: „Initiative zur kommunalen Förderung junger Sporttalente". Sie könnte zum Selbstlaufer werden. „Wird sie auch", ist Armin Hary überzeugt. Auf der ersten Textseite kommt Hary zur Sache. Man liest: „Deutschland gerät bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen immer mehr ins Hintertreffen. Dagegen wollen wir etwas tun." Der Wahl-Bayer, seit Beginn seiner Initiative täglich 18 Stunden im Einsatz, geht neue Wege. Er will Kommunen in die Talentförderung einbinden, hat deswegen Tausende von Briefen an Städte und Gemeinden schreiben lassen. „Mein Leben ist ein Abenteuer", resümiert der „Läufer des Jahrhunderts" mit einem Blick zurück. Was jetzt kommen soll, ist für ihn ein weiterer aufregender Teil der Daseins-Bilanz. Abgekürzt und auf einen Nenner gebracht durch die Buchstaben „AHA-F". Wie funktioniert es? „Eigentlich einfach und deswegen effektiv", beschreibt Hary seine Idee. Die Kommunen sind immer schon Grundpfeiler der Sportförderung gewesen. Auch bei Armin Harys auf Dauer angelegter Aktion. Sie bekommen von „AHA-F" zur Unterstützung von Talenten einen jährlichen Geldbetrag, den der Olympiasieger von lokal angesiedelten Firmen und Unternehmen erhält. Dafür können die Sponsoren mit ihrem Logo auf einer Internetseite werben. So wie E.ON Bayern. Der Stromerzeuger ist unterdessen im gesamten Freistaat für Hary in die Unterstützerrolle gegangen. Eines ist Hary wichtig. „Die Förderung gilt nicht nur dem Leichtathletik-Nachwuchs." Sie ist auf den gesamten sportlichen Bereich konzentriert und sieht vor, in jeder Kommune jährlich drei junge Talenten mit finanziellen Mitteln unter die Arme zu greifen. Überall in der Republik. Von Flensburg bis Rosenheim. 250 gibt es unterdessen, die mitmachen. Die Teller sind abgeräumt, Armin Hary hat das Weißwurstfrühstück genossen, ist satt geworden. Er packt seine Vision in den Satz: „Wir brauchen Hungrige." Solche, die den sportlichen Erfolg wollen, sich dafür schinden und quälen. So wie er vor nun viereinhalb Jahrzehnten. „Deutschland gerät bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen immer mehr ins Hintertreffen. Dagegen wollen wir etwas tun." Infos zur Hary-Sportförderung: |