Die Sprint-Farce

Armin Hary über Doping- und die deutschen Versager in Athen

Quelle: Athen 2004 - Sport vom 24.08.2004

AZ: Herr Hary, Sie waren der erste Mensch, der die 100 m in 10,0 Sekunden lief. Was sagen Sie zum Sprinter-Finale?

ARMIN HARY (65, Sprint-Olympiasieger 1960): Naja, das habe ich mit sehr gemischten Gefühlen gesehen. Spontane Freude kann da gar nicht aufkommen, weil man erst die A- und B-Probe abwarten muss.

Speziell, nachdem die griechischen Sprint-Stars und auch die Amerikaner, wie etwa Torri Edwards, des Dopings überführt wurden.

Wenn man sich die 100 m angeschaut hat, fragt man sich angesichts dieser Muskelberge schon, ob das Sprinter oder Bodybuilder sind. Mehr als ich damals mit Gewichten trainiert habe, geht nicht -aber ich sah nicht so aus. Jeder, der mal das Wort Doping gehört hat, wird bei diesen Muskeln nachdenklich und sich fragen, ob es eine Farce ist. Die menschliche Leistungsgrenze ist ausgereizt, die Läufer sind nicht wirklich schneller, als wir waren.

Ein Wort zu den deutschen Athleten, bitte.

Wenn man über deren Erfolge reden will, braucht man kein einziges Wort. Wenn man über Pleiten reden will, langt die Zeit nicht.

Die deutschen Stars, wie etwa Rad-Ass wie Jan Ullrich, haben versagt, sie waren nur mit Ausreden schnell.

Nicht nur der. Das sind alles keine Siegertypen! Die werden schon satt geboren und dann noch verhätschelt. Wir haben jeden Wettkampf gesucht und sind ihm nicht aus dem Weg gegangen. Aber die Athleten heute haben nur Ausreden parat. Wenn ich eine Schwimmerin höre, die nach jedem Rennen erzählt, dass sie froh ist, wenn es vorbei ist. Fürchterlich! Da frage ich mich, was will die, was wollen die alle, bei Olympia?

Sie meinen Franziska van Almsick, die hatte noch andere schöne Ausreden für ihre Pleiten hatte.

Schön? Das waren die doofsten Ausreden! Plötzlich kann man das Wasser nicht spüren, der Wind hat einen gestreift, die Wellen waren hart. Oder Ingo Schultz! Wenn ich den acht Tage vor Olympia höre, wie er, nachdem er eine schwache Zeit gelaufen ist, sagt, dass er Gold holen will! Da will ich vor Wut in den Fernseher springen. Da muss man realistisch sein. Man kann nicht eine Woche vorher keine Form haben und will dann in Gold-Form sein. Ach, was!

Schultz ist vor Olympia sehr selbstbewusst aufgetreten. Das grenzte an Arroganz.

Echtes Selbstbewusstsein braucht man nicht rauszupo-saunen. Ich habe das Gefühl, die sagen dass, damit sie selber hören, dass sie Gold holen können. Selbstbewusstsein hat man in sich und lässt es explodieren, wenn es zahlt.

Die Leichtathletik in Deutschland scheint ein grundsätzliches Problem zu haben. Glauben Sie, dass der Verband, die Funktionäre das Beste für die Athleten tun?

Ich habe vor 40 Jahren gesagt, dass der Funktionär für den Athleten da sein muss, nicht umgekehrt. Dafür wurde ich gesperrt. Seit 20 Jahren fordere ich einen Sportminis-ter. Und, und, und. Leider habe ich recht behalten. Wissen Sie, wie weh es tut, Recht zu behalten? Es tut seit 40 Jahren weh. Ich sage hier eins, Armin Hary wird noch mal aktiv werden. Ich werde nach Olympia ein Konzept präsentieren, ich werde die Probleme bei der Wurzel angehen.

Interview: Matthias Kerber